Visual Universitätsmedizin Mainz

Wissenschaftlicher Hintergrund von "The EMC Trial"

Die klinische Studie "The EMC Trial" befasst sich mit einem Problem, das die Fachwelt schon seit Jahren beschäftigt. Dabei geht es im weitesten Sinne um die medikamentöse Behandlung von Depressionen und um die Geschwindigkeit mit der Menschen, die an Depressionen leiden, durch den Einsatz eines antidepressiv wirksamen Medikaments wieder gesund werden. Genauer gesagt geht es um die zeitliche Verzögerung, mit der antidepressiv wirksame Medikamente ihre Wirkung entfalten und um die Frage, wie lange man im Einzelfall warten soll, bis man einen medikamentösen Therapieversuch für unwirksam erklärt und die Behandlung mit einem anderen Medikament fortsetzt. 

Lange Zeit wurde davon ausgegangen, dass die Wirkung von Antidepressiva mit einer Latenz von mehreren Wochen auftritt. In kontrollierten klinischen Studien zum Wirksamkeitsnachweis verschiedener Antidepressiva zeigte sich zwischen Placebo-behandelten Patienten und solchen, die mit einem Antidepressivum behandelt wurden, typischerweise ab der 2. bis 4. Woche eine signifikante Überlegenheit der Antidepressiva [1].

Sogenannte Musteranalysen ließen vermuten, dass eine anhaltende und auf ein Antidepressivum zurückzuführende Wirkung erst im späteren Verlauf der Therapie auftritt, d.h. nach 3-4 Wochen, während eine Symptomverbesserung in den ersten 2 Wochen als instabil angesehen und auf Placebo-Effekte zurückgeführt wurde. Zusammengenommen führten diese Befunde zur Hypothese des verzögerten Auftretens (engl.: delayed onset) der Wirkung von Antidepressiva und hatten enorme Auswirkungen auf die klinische Praxis.

Aktuelle nationale und internationale Leitlinien zur Behandlung von unipolaren Depressionen enthalten keine Empfehlungen zur Optimierung der Therapie (z.B. Dosiserhöhung, Therapiewechsel, Kombination, Augmentation) im frühen Verlauf der Therapie, d.h. innerhalb der ersten 2 Wochen. Die empfohlene Behandlungsdauer bis zur Feststellung eines insuffizienten Therapieansprechens und somit bis zur Therapieoptimierung variiert und liegt zwischen 2-4 Wochen [2], 3-4 Wochen [3], 4-6 Wochen [4] und 4-8 Wochen [5]. Die vorhandenen Empfehlungen beruhen dabei auf retrospektiven Datenanalysen, nicht jedoch auf Resultaten prospektiver Studien oder Biomarkern, die zur Vorhersage und der Überwachung des Therapieerfolgs im Verlauf der Behandlung genutzt werden können.

Die „delayed onset-Hypothese“ kann inzwischen als überholt angesehen werden. Zahlreiche Untersuchungen an weit über 10.000 Patienten mit praktisch allen Antidepressiva-Gruppen konnten zeigen, dass eine relevante Symptomverbesserung bereits innerhalb der ersten 14 Behandlungstage beobachtet werden kann [1,6,7]. Dabei ist hervorzuheben, dass bei depressiven Patienten, die sich in den ersten zwei Wochen einer Therapie mit Antidepressiva weniger als 20% bezüglich der initialen depressiven Symptomatik bessern (gemessen z.B. anhand des HAMD-Scores, s.u.), wenig Aussicht auf Erfolg nach 6 Wochen besteht. Darüber hinaus konnte inzwischen in zahlreichen Untersuchungen gezeigt werden, dass eine drastische Verbesserung der Depression innerhalb der ersten 2 Wochen mit höherer Wahrscheinlichkeit zu einem Therapieerfolg führt [1,8,9,10]. Dieses Prinzip scheint nicht nur bei Patienten mit einer schweren Depression zu gelten, sondern auch bei Patienten mit leichteren Formen, die sich hauptsächlich in hausärztlicher Behandlung befinden [11]. Diese Befunde legen nahe, dass eine Behandlungsoptimierung bei Patienten ohne ausreichende Besserung nach zwei Wochen Therapiedauer zu einem besseren Therapieergebnis führen kann als z.B. eine Fortführung der Behandlung bis mindestens Woche 4.

Die klinische Studie "The EMC Trial" setzt genau an diesem Punkt an. Wenn Sie mehr über die Zielsetzung dieser Studie erfahren möchten, klicken Sie hier.